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Formen der Reduktion

Ein paar Kinder blenden vor dem Eingang zur Ausstellung „Isa Mona Lisa“ in der Hamburger Kunsthalle die Außenwelt aus.

Die 1952 in Korea geborene Künstlerin Hyon-Sook Song „versteht den Akt des Malens als physisch-performatives Ereignis, das in einem Zustand völliger Konzentration und Meditation stattfindet“. Sie beschränkt sich auf wenige exakt ausgeführte Pinselstriche. In dem hier abgebildeten Werk sind es genau sieben. Man sieht jeden einzelnen und sieht zugleich das knorrige Holz durch den filigranen Stoff…

Ich beschränke mich heute auf dieses eine Werk, das mich gestern am stärksten von allen berührt hat. Natürlich bietet die Ausstellung noch viel mehr sehenswerte zeitgenössische Kunst. Bis zum 18. Oktober 2026.

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Wenn Blumen sprechen

Dekorativ.

(Es kann wunderschön sein, im Glashaus zu sitzen.)

Verspielt.

(Ja, die virtuellen Pflanzen antworten.)

Nachdenklich.

(Von politischen Botschaften und wiedergewonnener Würde.)

Lebensprall.

(Eine Arbeit für einen, der Vater und Mutter erschlagen hat, hätte meine Großmutter gesagt.)

Und eine Menge mehr.

Appetizer von der neuen Ausstellung im Bucerius Kunst Forum am Hamburger Rathaus.

Flowers Forever. Bis zum 19. Januar 2025.

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Was du siehst

Die Frage ist nicht, auf was du schaust, sondern was du siehst.

Henry David Thoreau (1817 – 1862)

Ich denke, der Naturphilosoph Thoreau hätte nichts dagegen, dass ich mir seinen schönen Satz über die Wahrnehmung ausleihe, während ich vor dem Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen stehe und für einen Moment all die Inspiration spüre, die ich dort so viele Male erlebte, und mich schon vorfreue auf künftiges Augenfutter, wenn die Baustelle endlich keine Baustelle mehr ist.

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Büdelsdorfer Begegnungen

Ein kleiner Junge lässt selbstvergessen Steine durch die Finger gleiten.

Ein Paar erforscht den Raum im Raum.

Streifen verbinden sich zum Tanz.

Licht lenkt kleine und große Aufmerksamkeiten.

Eine Frau findet ihre Nische.

Ein Mann fragt sich, was das soll.

Ein Alien weist unbeirrt den Weg.

„Oh, guck mal, der Rote oben sieht aus wie Stefan Raab!“, ruft ein Mädchen.

Die Ente in der Badewanne muss auch sie lange suchen.

Mancher Dialog entsteht ganz zufällig.

Der kleine Junge ist längst nach Hause gegangen. Die Lotusblüten laden weiter zum Gespräch – noch bis zum 8. Oktober auf der NordArt in Büdelsdorf bei Rendsburg. Ältere Posts über die Kunstausstellung in der ehemaligen Eisengießerei Carlshütte findest du hier und hier.

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Zwiegespräche

Doctor Schein und Doctor Sinn
gingen ins Café;
Schein bestellte Doppel-Gin,
Sinn bestellte Tee.

Seitlich von dem Plauderzweck
Nahmen sie dabei:
Schein – verlognes Schaumgebäck;
Sinn – verlornes Ei.

Dialog ward Zaubertext,
Nekromantenspiel;
Zwieseits wurde hingehext,
Was dem Geist gefiel,

Was dem Sinn Erscheinung schien,
Was der Schein ersann.
Schein gab Sinn, und dieser ihn,
Und die Zeit verrann.

Und die Stunde kam herein
Leis’ des Dämmerlichts.
Schein verging zu Lampenschein
Sinn verging zu Nichts.

Ferdinand Hardekopf (1876-1954): Zwiegespräch

Ferdinand Hardekopfs wundervolles „Zwiegespräch“ fand ich in dem leider nur noch antiquarisch erhältlichen schmalen Band „Wir Gespenster“, das der Arche-Verlag 2004 zum 50. Todestag des expressionistischen Dichters herausbrachte. Ich habe mir erlaubt, die Begegnung von Doctor Schein und Doctor Sinn vom Café in die Carlshütte im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf zu verlegen. In der alten Eisengießerei und draußen im Park lädt noch bis zum 10. Oktober die diesjährige NordArt zum phantasievollen Zwiegespräch mit allerlei zeitgenössischer Kunst, in dem gelegentlich ebenfalls die engen Grenzen von Schein und Sinn zerfließen. Anfassen (meistens) erlaubt.

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Augen-Blicke

Die Besucherin betrachtet die Kussszene vor sich. Was sie denkt, ist hinter der Maske, die einen Großteil ihres Gesichts bedeckt, nicht zu erkennen. Ob ihr bewusst ist, dass der Dritte im Bilde wiederum sie zu beobachten scheint? Und die Fotografin sie und den Dritten und die Kussszene? Wie geschlossen (und frei von Voyeurismus) wirkt dagegen das Geschehen in der zweiten Aufnahme: Maskenträgerinnen unter sich, beinahe schon eine Begegnung auf Augenhöhe.

Das erste Foto ist ein Schnappschuss aus der Jubiläumsschau zum 100. Geburtstag von Helmut Newton, die noch bis zum 29. November im Ernst Barlach Museum im schleswig-holsteinischen Wedel gezeigt wird. Das zweite Foto entstand, ebenso rasch und intuitiv wie das erste, im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, wo noch bis zum 1. November „Untold Stories“ zu sehen ist (sind) – die erste und zugleich letzte von ihm selbst kuratierte Ausstellung mit Werken von Peter Lindbergh.

Newton und Lindbergh – zwei Jahrhundertfotografen, die am liebsten Frauen fotografierten und mit Mode, Porträt und Akt noch dazu ähnliche Themenschwerpunkte setzten. Und doch liegen Welten zwischen ihren Arbeiten. Wo der ältere Newton Weiblichkeit, das Spiel der Geschlechter kühl, immer wieder auch verstörend inszenierte, feierte Lindbergh, für den auch in der Modefotografie der Mensch mit seiner Persönlichkeit im Vordergrund stand, mit erkennbarer Wertschätzung die natürliche Schönheit der Porträtierten. „Ein Mann der Lifestyle-Magazine“, urteilte Frank Hajasch für NDR Kultur über Newton: „Individualität spielt selten eine Rolle, Mimik gar nicht“. „Der Mann, der die Frauen verstand“, schrieb Tanja Rest in der Süddeutschen Zeitung über Lindbergh: Die Frauen „zeigen etwas von sich, aber sie liefern sich nicht aus“, es geht um „eine Nacktheit, die nichts mit dem Ablegen von Kleidung zu tun hat, sondern selbst gewählt, selbstbestimmt ist“. Besonders augenfällig werden die Unterschiede, wenn man sich beide Ausstellungen nacheinander ansieht. Erst Newton, dann Lindbergh, aus dessen Werkschau ich auch die folgende Foto-Szene mitgebracht habe.

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Eine Frage der Perspektive

Gingen zwei in einen Beerenwald;
Fand der Eine süße Beeren bald;
Hat sich fleißig gebückt
Und emsig gepflückt;
Tat nichts als essen.

Der Andre indessen
Trug immer die Nase gen Himmel gericht,
Sah den lieben Herrgott oder macht‘ ein Gedicht,
Aber die süßen Beeren, die sah er nicht.
Tun mir leid alle Beide.
Ich liebe die Beeren- und Himmelsweide.
Ich hätte mir Beeren gesucht im Kraut
Und essend zum blauen Himmel geschaut.
Mir hätte keins das andre geniert,
Hätte Himmel und Beeren in eins skandiert.

Otto Julius Bierbaum: Für Beerensucher

Die Blicke in den Himmel und „ins Kraut“ tat ich jüngst im Lichthof des neuen Bucerius Kunst Forums in Hamburg. Wer auch mal schauen will: Die nächste Ausstellung steht vor der Tür. Ab dem 19. Oktober sind Werke von Walt Disney, Norman Rockwell, Jackson Pollock und Andy Warhol zu sehen. In Zeiten wie diesen mag es gut tun, einmal andere Amerika-Bilder in den Blick zu nehmen.

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Korrespondenzen

„Lost in Time like Tears in Rain“ – was für ein Titel! Auf die Suche nach der verlorenen Zeit begab sich jüngst die Baseler Fondation Beyeler mit einem Streifzug durch die moderne Kunst. Die Sammelausstellung aus Leihgaben und eigenen Neuerwerbungen läuft leider schon nicht mehr. Man sehe mir bitte nach, dass ich erst jetzt davon erzähle, ich bin ein wenig trödelig mit dem Bloggen in diesem Sommer. Allerdings geht es mir heute auch weniger um eine Auseinandersetzung mit konkreten Kunstwerken als um Korrespondenzen.

Immer wieder freue ich mich darüber, wie sehr Ausstellungsräume und Ausgestelltes bisweilen miteinander sprechen. So wie das Blumentriptychon von Rudolf Stingel mit dem ebenfalls unterteilten Ausblick auf den Park der Fondation Beyeler. Klar, das haben sich die Ausstellungsmacher genau so gedacht. Aber schön ist es doch.

Wie aber kann es sein, dass auch Ausstellungsbesucher geradezu dafür geschaffen zu sein scheinen, vor bestimmten Exponaten zu verweilen? Die Frau mit der orangefarbenen Hose und dem blauen Handy vor Andy Warhols (beinahe) gleichfarbigen Blumen zum Beispiel?

Die Frau mit den raspelkurzen Haaren vor der gleichmäßig schraffierten grauen Fläche (Stingel)?

Oder die Frau im Trench vor dem Gespenst (Stingel)?

Die Ausstellung von Rudolf Stingel (im Hintergrund im Bett liegend abgebildet), ist übrigens noch bis zum 6. Oktober zu sehen. Auch in seinen Werken geht es um Spuren der Zeit. An einigen Stellen sind die Besucher dazu aufgerufen, eigene zu hinterlassen.

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Dialog der Geborgenheit

„Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.“

Rainer Maria Rilke: Zum Einschlafen zu sagen (Das Buch der Bilder)

*

„Ich lag, ein kleines Kind, in meiner Mutter Schoße / Und spielte, still entzückt, mit Lilie und Rose, / Und, von dem Duft berauscht, versank ich allgemach / In Schlummer, lind und süß, wie jener Maientag.

Ich lag auch noch im Traum in meiner Mutter Schoße / Und spielte, wie vorher, mit Lilie und Rose, / Und sah, wie Ros’ auf Ros’ dem Himmel sanft entquoll, / Indes die Erde leis zum Lilienbeet erschwoll.

Ach rings nun, statt der Welt, nur Lilie und Rose, / Dazu der Mutter Blick und ihres Hauchs Gekose! / Selbst in der Seele war kein andres Bild mehr da, / Ich wusste nur von dem, was rings mein Auge sah.

Ich lag erwachend noch in meiner Mutter Schoße, / In Händen hielt ich fest die Lilie und die Rose, / Die Mutter, über mich gebeugt, sah still mich an; / O einz’ge Stund’, wo Traum und Sein in Eins zerrann!“

Friedrich Hebbel: Leben und Traum

Das Bild „Maria mit dem schlafenden Kind“ hat um die Mitte des 15. Jahrhunderts herum der italienische Maler und Grafiker Andrea Mantegna geschaffen. Ich habe es in der Ausstellung „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“ in der Berliner Gemäldegalerie fotografiert, wo ausdrücklich dazu eingeladen wird, seine Eindrücke in Wort und Bild zu teilen. Andrea Mantegna und Giovanni Bellini waren Freunde, Schwäger und Konkurrenten. Sie haben sich gegenseitig inspiriert und kopiert. In Berlin wird das eng miteinander verwobene Schaffen der beiden Künstler in Kooperation mit der Londoner National Gallery und dem British Museum erstmals in einer Ausstellung präsentiert – noch bis zum 30. Juni.

Mantegna gilt als der Rationalere von beiden, der gern mit perspektivischen Verkürzungen experimentierte, während es Bellini primär um das reine Gefühl ging. Vor diesem Hintergrund sticht Mantegnas „Maria mit dem schlafenden Kind“, dem ein Mangel an Gefühl gewiss nicht vorzuwerfen ist, doppelt hervor. Für mich ist es eines der schönsten Bilder der Ausstellung.

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Lichträume

Wer James Turrells Ganzfeld „Aural“ im Jüdischen Museum Berlin betritt, erfährt am eigenen Leib, welche Kraft von weichem Licht ausgehen kann. Kaum noch als Raum auszumachen ist die Installation des amerikanischen Lichtkünstlers in einem temporären Bau im Garten des Museums. Am ehesten erinnert sie an eine Landschaft im Nebel oder im Schnee. Vielleicht auch an eine Traumsequenz. Linien verschwimmen. Das Auge muss ohne den gewohnten Halt auskommen. Der Boden unter den Füßen beginnt zu schwanken. Einzelne Besucher stehen schwarzschattig im scheinbar zweidimensionalen Feld. Dass sie stehen, dass ich stehe, weiß ich mehr als dass ich es sehe. Was ich sehe, ist: Weiß, Magenta, Blau, Rot… Mal mit offenen, mal mit geschlossenen Augen. Ein Bild von dem Kunstwerk kann ich hier leider nicht zeigen, der Fotoapparat musste in der Tasche bleiben. Wer sich selbst ein Bild machen will, hat dazu noch bis zum 6. Oktober Gelegenheit. Oder wirft einen Blick auf die Website des Museums.

Mitgebracht habe ich stattdessen Fotos aus dem Keller des Zick-Zack-Anbaus von Daniel Libeskind mit seinen Achsen, schiefen Wänden und rauhen Betonschächten, zwischen denen deutsch-jüdische Geschichte erzählt wird.

In zweien der Voids, der vertikalen Leerräume, die das Gebäude an Kreuzungs- und Endpunkten der Achsen bis hinauf zum Dach durchziehen, ist noch bis zum 1. September die Licht- und Klanginstallation res-o-nant des Konzeptkünstlers Mischa Kuball zu sehen und zu hören.

Rotierende Projektoren werfen Lichtfelder an Wände und Decken, während aus Lautsprechern minutenkurze Soundclips erklingen, die von mehr als 150 MusikerInnen eigens für die Installation produziert wurden.

Nur ein Hauch Tageslicht dringt durch einen schmalen Schlitz in den Betonschacht Voided Void am Ende der Achse des Holocaust. Hier, im Holocaust Turm, ist die vom Architekten Libeskind symbolisierte Leere, die durch die Vertreibung und Vernichtung jüdischen Lebens in der Schoa entstanden ist, physisch wohl am stärksten zu spüren.

Lange halte ich so viel Leere und so wenig Licht nicht aus. An diesem sonnigen Tag ist es fast schon eine Erholung, für eine kleine Weile nach draußen in den Garten des Exils am Ende der gleichnamigen Achse zu treten.

Schwindelig werden kann einem allerdings auch hier, zwischen den 49 Stelen, die auf einer schiefen Ebene zu einem ziemlich engen Quadrat angeordnet sind.

Oder doch spätestens beim Blick in die Höhe, wo in viel Berliner und ein wenig Jerusalemer Erde Ölweiden wachsen. Unerreichbar und doch: ein Symbol der Hoffnung.

Die Achse der Kontinuität schließlich führt mich zum Memory Void  und der tief berührenden Installation Schalechet (Gefallenes Laub) von Menashe Kadishman. Tausende Gesichter mit aufgerissenen Mündern aus schweren runden Eisenplatten bedecken den Boden des ansonsten leeren Raums. Ob es wohl der Name des Kunstwerks ist, der so viele Besucher dazu verleitet, auf ihm herumzulaufen? Dabei raschelt dieses „Laub“ doch gar nicht sondern knackt, als brächen Knochen.

Zeit, in den Museumsgarten zurückzukehren, in andere Lichträume.