Was von der anderen Straßenseite wie der ruhende Pol in der vorweihnachtlichen Rush Hour wirkte, erwies sich bei näherer Betrachtung als einer mehr, der seine Kurzmitteilungen checkt.
Aus einer anderen Zeit
So hübsch hatten sich die Mädels gemacht. Gebannt studierten sie die Liste der ankommenden Schiffe in den Aushang-Kästen. Bestimmt war der Herzallerliebste an Bord. A. grinste über die Söckchen der Damen zur Linken. C. meinte sich zu erinnern, dass seine Mutter damals kürzere Kleider getragen hatte. Schuhe wie die der Frau ganz rechts verband er ohnehin eher mit der Großmutter. Mir waren die Schuhe noch nicht einmal aufgefallen. Fasziniert starrte ich auf die Naht und die hochgezogene Ferse in den Seidenstrümpfen darüber…
Die Aufnahme ist eine meiner liebsten in der Ausstellung „Das photographische Werk“ von Franz Hubmann. Noch bis zum 7. Februar 2015 sind die Fotografien des österreichischen Bildjournalisten in der Flo Peters Gallery im Hamburger Chilehaus zu sehen. Die Schwarzweiß-Bilder aus den 1950er Jahren zeigen zum Großteil Szenen aus dem Hamburger Hafen.
Nach dem Besuch der Ausstellung gingen wir essen, was hier weiter nichts zur Sache tut. Anders als die Schaufenster, die uns unterwegs begegneten. Die hätten auch aus den Fünfzigern sein können, wären die angebotenen Waren in D-Mark statt in Euro ausgezeichnet gewesen. Wer malt heute noch solche Preisschilder! freute sich C. Unterstreichungen mit dem Lineal, die nur bedingt zur Linie der Schrift darüber passen, signalrote Ecken, ebenfalls mit dem Lineal gezogen und von Hand ausgemalt. Jede Ecke ein Unikat. Und dazu diese entzückende Weihnachtsdeko…
Aufblickende Erde
Das goldene Medaillon
„Als mein Urgroßvater meine Urgroßmutter heiratete, schenkte er ihr ein goldenes Medaillon“, erzählte mir die alte Dame. Heute, 150 Jahre und fünf Generationen später, gehört das Medaillon ihrer Enkelin. Aber nicht nur das Schmuckstück, sondern auch seine Geschichte. Das war der alten Dame fast noch wichtiger: „Ich bekam das Medaillon zur Konfirmation. Von Tante Kathrine, sagte meine Mutter nur. Tante Kathrine war die Altbäuerin auf dem Nachbarhof meiner Großeltern. Dass sie eine Halbschwester meiner Großmutter war, erfuhr ich erst lange nach ihrem Tod…“
Die alte Dame ist vor ein paar Jahren gestorben. Als sie schon ziemlich krank war, bat sie mich, ihre Familiengeschichte(n) aufzuschreiben. Wir trafen uns, wann immer es ihr gut genug ging, um zu erzählen. Wir hatten Glück: Ein paar Monate vor ihrem Tod war das Buch fertig. Sie verschenkte es freigiebig an Freunde und Verwandte. Wie hat sie es genossen, sich mit ihnen über die alten Geschichten auszutauschen!
Immer wenn ich mich an die alte Dame erinnere, denke ich, dass es ein Glück ist, Großeltern zu haben. Sie haben Dinge erlebt und Menschen gekannt, die es nicht mehr gibt. Sie haben Handgriffe und Arbeiten gelernt, die kaum noch einer beherrscht. Und das Beste ist: Sie können davon erzählen. Warum ich gerade jetzt an die alte Dame denke? Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich zufällig erfuhr, dass Marion, die das wunderbare Blog „FindeSatz“ betreibt, Glückskurse gibt. Und plötzlich tauschten wir uns darüber aus, ob es wohl toller ist, Biografin zu sein oder Glückskursleiterin…
Novemberfarben
Vor vielen Jahren habe ich eine Zeitlang in Kiel gelebt. Ich lernte schnell: Wenn das Wetter gut war, ließ man am besten sofort alles stehen und eilte nach draußen. Am nächsten Tag – ach, was sage ich: Stunden später! – konnte die Welt schon wieder ganz anders aussehen. An einen Sommer erinnere ich mich, da ließen wir Tag für Tag alles stehen, weil jeder der letzte hätte sein können. Und es ging immer weiter…
This special light II
Entweder Husum, Storms „graue Stadt am grauen Meer“. Oder ein Spaziergang durchs Moor. Kein anderer Ort. Nicht heute in diesem sonnedurchwirkten Wattenebel, in dem sich der November von seiner schönsten Seite zeigte.
Nur ein paar „alte Weiber“ weben emsig Kollier um Kollier.
Die guten Dinge
Aus der Vogelperspektive
Wie aus dem Modellbaukasten wirkt das ehrwürdige Rathaus von hier oben, 545 Stufen über dem Erdboden. Hafenkräne und Fabrikschornsteine verschmelzen mit dem Horizont. Noch einmal bricht die Novembersonne durch die Wolken und taucht die Stadt in ein beinahe surreales Licht.
Es gibt einige schöne Blicke auf Hamburg. Zu den spektakulärsten zählen für mich die entrückten weiten durch die Bullaugen im Turm von St. Petri. Die Scheiben könnten mal geputzt werden, sicher. Aber das ist Klagen auf hohem Niveau.
This special light
Berlin-Schnipsel (4)
Manchmal scheint, beinahe überraschend, für einen Moment die Zeit still zu stehen:
wenn die Oberbaumbrücke in spätherbstliches Gegenlicht getaucht ist zum Beispiel,
wenn auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Grabsteine mit Birken verschmelzen,

wenn zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals gerade einmal niemand Verstecken spielt
und sich auch auf dem Gendarmenmarkt die allgegenwärtigen Unterschriftensammler trollen.
Mit diesen Impressionen endet meine kleine Berlin-Reihe. Eine schöne neue Woche euch allen!











