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Sommerregen

P1040188Mein Wochenende war ein klarer Fall von Landflucht. Nur mit umgekehrtem Vorzeichen: nicht weg, sondern hin aufs Land. Aber durchaus auch der besseren Lebensbedingungen wegen, in diesem Fall vor allem klimatisch. War das stickig in der Stadt! – Das Foto zeigt einen besonders schönen Moment: Es hatte geschüttet wie aus Eimern. Ich hockte unterdessen wohl behütet mit  alten Freunden in ihrem Gartenhäuschen. Regenwasser spritzte auf unsere nackten Füße, und jeder Atemzug wurde frischer. Plötzlich brach die Abendsonne durch die immer noch dräuenden Wolken…

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Ich bin dann mal weg

In London, um genau zu sein. „Genesis“ anschauen – Bilder aus dem jüngsten Langzeitprojekt des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado.  Außer in London werden die spektakulären Aufnahmen von unberührten Ecken unserer Erde nur noch in Rom, Toronto, Rio de Janeiro, São Paulo, Lausanne und Paris zu sehen sein. Also auf nach Great Britain! Und weil sich „Ich fliege nach London, um eine Fotoausstellung zu besuchen“ nun doch etwas dekadent anhört und ich auch viel zu lange nicht mehr in dieser großartigen Stadt war, hänge ich einfach ein paar Tage dran.

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Rolling home

Eine Hafenstadt irgendwo in Spanien. Drei Schwestern. Eine ist aus England angereist, die zweite aus Deutschland. Wo die dritte lebt, habe ich vergessen. Ein Jahr zuvor hatte es schon einmal so ein Treffen gegeben. Eine der Frauen hatte gerade ihren Mann verloren. Jetzt wollen die Schwestern gemeinsam Abschied nehmen vom Ehemann und Schwager. Wollen seine Asche ins Meer streuen, wo er vor Jahren glückliche Tage mit seiner Frau verbracht hat. In Spanien dürfen Angehörige das, es gibt keinen Friedhofszwang. Als die Frauen mit der Urne am Meer stehen, erklingt von fern zartes Geigenspiel. Da streicht einer nur für sich den Bogen über die Saiten. „Und alle Zeit ward Gegenwart“, wie es in einem Gedicht von Hermann Hesse heißt. Ja, bestätigt die Frau, die mir von der Naturbestattung erzählt, das passte wunderbar: Der Verstorbene war Violinist bei den Symphonikern gewesen. Aber dann tauchte am Strand jemand mit einem Akkordeon auf, begann „Rolling home“ zu spielen. Ausgerechnet! Die Schwestern erstarren. Von der Geige ist kaum noch etwas zu hören. Plötzlich müssen sie lachen. Das ist aber auch zu verrückt! Wenn es ein Instrument gibt, das der Ehemann und Schwager sein ganzes Musikerleben lang gehasst hat, dann das Akkordeon.

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Hauptsache berühmt

Gestern Abend auf der Krugkoppelbrücke. Mitten auf der steinernen Brüstung sitzt ein Schönling. Schwarze Jeans, tailliertes rotes Jackett, die dunklen Haare eng an den Schädel gegelt. Vor ihm ist eine Videokamera aufgebaut. In seinem Rücken streicht weich das letzte Licht des Tages über die Alster. „Es tut mich wirklich gut…“, sagt er gerade, den Blick fest auf die Kamera gerichtet. „Halt, halt!“, ruft der Kameramann. „Mir! Es heißt: Es tut mir wirklich gut!“ Der Schönling schaut kurz zur Seite, setzt neu an: „Ja, also, es tut mir wirklich gut, wenn das Rampenlicht voll auf mir gerichtet ist…“ „Nein, mich!“, unterbricht der Kameramann erneut. „Wenn das Licht voll auf mich gerichtet ist!“ Schnitt. Was es auf der Rampe zu erhellen gibt, muss leider im Dunkeln bleiben, denn just in diesem Moment winkt am anderen Ende der Brücke die Freundin, mit der ich zu einer Alsterrunde verabredet bin…

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Die Außerfriesischen

P1020584Dass ein ostfriesischer Vierkampf aus Lesen, Schreiben, Rechnen und Teebeutelweitwurf besteht, ist natürlich nur einer von diesen gemeinen landsmannschaftlichen Witzen. Tatsächlich beherrschen Friesen auch deutlich mehr Disziplinen als Klootschießen und Boßeln, wie das Hamburger Seemannsheim heute mit seinem Beitrag zur Internationalen Sportwoche der Deutschen Seemannsmissionen eindrucksvoll unter Beweis stellte. Die Wettkämpfer maßen ihre Kraft und Geschicklichkeit im Gummistiefelweitwurf, Hufeisenzielwerfen, Brettlanglauf und Boulespiel. Zugegeben, wenn man genau hinsah, merkte man schon, dass es sich eher um Friesen im Herzen handelte. Aber die Olympioniken aus der Türkei, aus Chile, Indonesien, den Philippinen und Kapverden, für die das Seemannsheim am Michel ein Zuhause in der Ferne sein will, waren mit so viel Eifer und sportlichem Erfolg bei der Sache, dass selbst Otto, der Außerfriesische, seine Freude gehabt hätte.

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Alt?

Telefonat mit meiner allerersten Biografiekundin. Wir sehen uns immer noch ein, zwei Mal im Jahr. Das nächste Treffen ist überfällig. Um den Jahreswechsel wie sonst hatte es nicht geklappt. Da wollte sie für ein paar Wochen nach Indien reisen, wo ihre Enkelin lebt. Ohne Aufenthalt in Dubai dieses Mal. Das kannte sie ja schon. Schön sei das Familientreffen gewesen, erfahre ich. Jetzt kommt noch die Tochter aus London zu Besuch, und dann ist Zeit für unsere Kaffeestunde. Dass sie ihr Ehrenamt in der Menschenrechtsorganisation, für die sie sich seit Jahrzehnten engagiert, im Sommer wohl in jüngere Hände legen wird, bekomme ich quasi als Appetithappen mit auf den Weg. „Ich freue mich aufs Erzählen“, sagt sie. „Es ist so viel passiert.“ Die alte Dame ist 92.

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Fremde Kulturen er-fahren

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen in der Dokukomödie „You drive me crazy“ von Andrea Thiele und Lia Jaspers, die seit heute im Kino zu sehen ist. Die Protagonisten: ein Amerikaner in Tokio, eine Deutsche in Mumbai und eine Koreanerin in München, die sich in der neuen Heimat noch einmal auf die Führerscheinprüfung vorbereiten, um ein Stück persönliche Mobilität zu erlangen – und ihre Fahrlehrer natürlich. Zwischen Fahrer- und Beifahrersitz und manchmal auch noch der Rückbank prallen Fahrstile und Kulturen aufeinander, dass es eine Pracht ist. Am Ende haben die Schüler ihre Fahrprüfung bestanden oder auch nicht. Wichtiger ist, was sie über das Land erfahren haben. Und dass sie dort angekommen sind.