Rot liebe ich, Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, – – – – – wir?
Kurt Schwitters: An Anna Blume
Bilder. Geschichten. Bildgeschichten.
Heute will ich fröhlich fröhlich sein,
Keine Weis und keine Sitte hören;
Will mich wälzen und für Freude schrein,
Und der König soll mir das nicht wehren;
Denn e r kommt mit seiner Freuden Schar
Heute aus der Morgenröte Hallen,
Einen Blumenkranz um Brust und Haar,
Und auf seiner Schulter Nachtigallen;
Und sein Antlitz ist ihm rot und weiß,
Und er träuft von Tau und Duft und Segen –
Ha! Mein Thyrsus sei ein Knospenreis,
Und so tauml’ ich meinem Freund entgegen.
Matthias Claudius: Der Frühling. Am ersten Maimorgen
Kalendarisch ist es zwar noch ein bisschen hin, vom viel zu oft viel zu grauen Himmel gar nicht zu reden, aber zwischendurch auch immer mal wieder so königlich sonnig in der Stadt, dass ich voll Wonne den ersten Vor-Maimorgen ausrufe.
Na bitte, geht doch! Ein Top in lebhaftem Moosgrün zur mausgrauen Röhre…
… ein Schal in verträumtem Bordeaux…
… Totenköpfe und Raubtiermuster, unter denen keck ein farbiger Gürtel hervorblitzt.
Und das sind nur einige Beispiele von vielen. Nach umfangreichen Studien am Wochenende stelle ich richtig: Es trifft nicht zu, wie kürzlich insinuiert, dass die kunstbeflissene Hanseatin durchweg Schwarz in Schwarz gewandet durch Ausstellungen spaziert.
Wie bitte? Wie ich selbst aussah, wollen Sie wissen? Also, mein Halstuch war beinahe schon regenbogenfarben.
Gerade erst zur attraktivsten Stadt Deutschlands erklärt, setzte Hamburg heute Vormittag ein ebenso kraftvolles wie farbenfrohes Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt. Aus Protest gegen einen ursprünglich geplanten Aufmarsch von Neonazis hatte das Bündnis „Hamburg bekennt Farbe“, dem Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Sport, Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften und Migrantenorganisationen angehören, zu einer Kundgebung auf dem Ratshausmarkt aufgerufen. Wie schon 2012 folgten Tausende Menschen.
Die Hamburger Polizei hatte den Aufmarsch der Rechtsextremen vor einigen Tagen verboten, weil sie schwere Ausschreitungen befürchtete. Das Verbot war von Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht sowie dem Bundesverfassungsgericht bestätigt worden.
Das in meinen Augen schönste Plakat hielt ein zünftiger Handwerksbursche vor dem Rathaus in die Höhe: „Wahre Patrioten geben Deutschkurse“. Feinsinniger kann man den Rechten, die in Hamburg unter dem Motto „Tag der Patrioten“ auf die Straße gehen wollten, kaum begegnen.
Und wo Platz für den liebsten Fußballclub ist, reicht es sicher auch für ein herzliches „Moin, moin“ für Flüchtlinge.
Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.
Und ich werde heimwärts
Von Deinem Atem getragen,
Durch verzauberte Märchen,
Durch verschüttete Sagen.
Und mein Dornenlächeln spielt
Mit Deinen urtiefen Zügen,
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.
Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide –
Der weltalte Traum
Segnet uns beide.
Else Lasker-Schüler: Die Liebe
Manche Ausstellungsbesucher sollte man dafür bezahlen, dass sie sich tagelang vor ein bestimmtes Bild setzen, lässig an einer Wand lehnen, immer wieder dieselben Gänge entlang laufen, so sehr scheinen sie Teil des Präsentierten zu sein oder diesem doch eine besondere Note zu verleihen.
Das muss nicht unbedingt ein durchgestylter Künstlertyp in Dunkelanthrazit sein, ein älterer Herr in Wetterjacke, der wie hypnotisiert ins Auge der Monsterwelle blickt, ist nicht minder wirkungsvoll.
Die sehr empfehlenswerte Foto- und Gemälde-Ausstellung „Über Wasser“, auf der das letzte Bild entstanden ist, ist noch bis zum 20. September im Bucerius Kunst Forum gleich neben dem Hamburger Rathaus zu sehen. Mit oder ohne „Models“ und am besten mit Audio Guide.
Ich zitiere aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia:
„Der Ausdruck Gleichschritt bezeichnet die synchrone Beinbewegung von zwei oder mehr Personen. Die Aufstellung kann in Reihe oder in Linie erfolgen. Das Marschtempo wird in Bodenbewegungen des linken Beines pro Minute gemessen.“
Vorausgesetzt, die beiden Hamburger Passanten gehen als Reihe oder Linie durch, steht die nächste relevante Bodenbewegung unmittelbar bevor. Den jungen Mann im Café scheint das nicht die (Kaffee-)Bohne zu interessieren.
Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitest du, Herr?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“ „Du kennst also dein Ziel?“ fragte er. „Ja“, antwortete ich, „ich sagte es doch: ‚Weg-von-hier’, das ist mein Ziel.“ „Du hast keinen Essvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.“
Franz Kafka: Der Aufbruch (1922)