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Synchronfliegen

Wir haben zu großen Respekt vor dem, / Was menschlich über uns himmelt. / Wir sind zu feig oder sind zu bequem, / Zu schauen, was unter uns wimmelt.

Wir trauen zu wenig dem Nebenuns. / Wir träumen zu wenig im Wachen. / Und könnten so leicht das Leben uns / Einander leichter machen.

Wir dürften viel egoistischer sein / Aus tierisch frommem Gemüte. – / In dem pompösesten Leichenstein / Liegt soviel dauernde Güte.

Ich habe nicht die geringste Lust, / Dies Thema weiter zu breiten. / Wir tragen alle in unsrer Brust / Lösung und Schwierigkeiten.

Joachim Ringelnatz: Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?

Der Dichter machte sich „Flugzeuggedanken“, die Fotografin beobachtete Vögel im Synchronballett über der Elbe. Mal zeigten sie den dunklen Rücken, mal den hellen Bauch. M.C. Escher hätte seine (helldunkle und leicht surreale) Freude gehabt. Irgendeiner rief: Schwarmintelligenz! – Gemeinsam sind wir klüger. Oder dümmer?

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Wolkenweben

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muss ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
Bis wo vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
Mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird ein Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

Hermann Hesse: Manchmal

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Gedankenverloren

Gesunken ist Selenna, / sind die Plejaden. Mitter- / nacht, vorüber die Stunde. / Und ich schlafe allein.

Aus: Sappho „Und ich schlafe allein“, neu übersetzt von Albert von Schirnding, München 2013

Mit diesen wunderbar rhythmischen Zeilen der vielleicht bekanntesten Dichterin des Altertums ziehe ich mich in eine kleine Blogpause zurück. Bis bald, lasst es euch gut gehen!

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Manchmal noch

Manchmal noch empfind ich völlig jenen
Kinder-Jubel, ihn:
da ein Laufen von den Hügellehnen
schon wie Neigung schien.

Da Geliebt-Sein noch nicht band und mühte,
und beim Nachtlicht-Schein
sich das Aug schloss wie die blaue Blüte
von dem blauen Lein.

Und da Lieben noch ein blindes Breiten
halber Arme war -,
nie so ganz um Einen, um den Zweiten:
offen, arm und klar.

Rainer Maria Rilke: Aus dem Nachlass des Grafen C. W. (Auszug)