Es gibt freiwilliges Allein, Das doch ein wenig innen blutet.
Verfrühter Gast in einer Schenke sein, Wo uns derzeit kein Freund vermutet – –
Und käme plötzlich doch der Freund herein, Den gleiche Abenteuer-Wehmut lenkt, Dann wird es schön! Dann steigt aus schlaffen Träumen Ein gegenseitig stärkendes Sichbäumen Und spricht, was in ihm rauh und redlich denkt.
Dass Tulpen eine wunderbare Projektionsfläche für Gefühle abgeben können, spürte ich, als ich einmal eingeladen wurde, wie eine Tulpe zu tanzen. Ich habe hier schon davon erzählt.
Einen Reigen ganz eigener Art führte ein Strauß der leuchtenden Frühlingsboten jetzt in meinem Arbeitszimmer auf. Kaum hatte ich die Stängel beschnitten und in einer frisch mit Wasser gefüllten Vase drapiert, schienen sie auch schon wie von unsichtbaren Kräften angetrieben nach außen zu streben. Den Sitzen eines Kettenkarussells gleich schwebten die Blüten um den Rand der Vase.
Am nächsten Tag hatten die leuchtenden Gefährte ihren Radius noch einmal merklich vergrößert und begannen – den Gesetzen der Schwerkraft folgend – Stück für Stück Richtung Boden zu sinken. Ich griff erneut zum Messer, doch die Tulpen ließen sich nicht von ihrem Weg abbringen. Auch mit gekürzten Stängeln wollten sie partout nicht in die Höhe wachsen, nur immer nach außen. Weiter. Und weiter.
Sie spielten mit Licht und Schatten. Sie übten Landeanflüge.
Und immer noch suchten sie die Weite. Noch im Verblühen, als sie schon einen Großteil ihrer Farbe und Spannkraft eingebüßt hatten, gaben sie nicht einen Zentimeter Raum auf. Die Sehnsucht, sie schien nicht kleiner geworden zu sein.
Ich blick in mein Herz und ich blick in die Welt, Bis vom schwimmenden Auge die Träne mir fällt, Wohl leuchtet die Ferne mit goldenem Licht, Doch hält mich der Nord, ich erreiche sie nicht. O die Schranken so eng und die Welt so weit, Und so flüchtig die Zeit, so flüchtig die Zeit.
Ich weiß ein Land, wo aus sonnigem Grün Um versunkene Tempel die Trauben glühn, Wo die purpurne Woge das Ufer beschäumt Und von kommenden Sängern der Lorbeer träumt. Fern lockt es und winkt dem verlangenden Sinn, Und ich kann nicht hin, ich kann nicht hin.
O hätt‘ ich Flügel durchs Blau der Luft, Wie wollt ich baden im Sonnenduft! Doch umsonst! Und Stunde auf Stunde entflieht, Vertraure die Jugend, begrabe das Lied. O die Schranken so eng und die Welt so weit, Und so flüchtig die Zeit, so flüchtig die Zeit.
Emanuel Geibel (1815 – 1884): Ich blick in mein Herz und ich blick in die Welt