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Barmbek rechts-links

P1010269P1010273Heute habe ich ein Balkon-in-Balkon-System kennengelernt, das ich so noch nie gesehen hatte. Ob die auf der oberen Ebene Hühner  halten? Ich habe erfahren, dass es auch in Barmbek ein Massengrab aus der Franzosenzeit gibt und weiß jetzt, wo ich Faltenbälge und Zahnräder oder Fünfziger-Jahre-Kleider finde, sollte ich jemals welche brauchen.

P1010281Ich habe mich von backsteinernen Gebäuden mit Laubengängen und Rundbalkonen bezaubern lassen und auf dem Grünstreifen zwischen Dulsberg-Süd und Dulsberg-Nord deutschen Männern mit Bierbauch beim Biertrinken und türkischen Frauen mit Kopftuch beim Picknicken zugeschaut. Ein Klischee, ich weiß. Aber genauso real wie die lebhafte Kapitalismus-Debatte vor Eddas Eiscafé ein paar Augenblicke zuvor.

P1010287P1010278Ich habe entdeckt, dass einer sein Haus von Bulldoggen, ein anderer von kleinen Engeln bewachen lässt. Komischerweise waren die Engel angeleint, nicht die Hunde.

Zum Schluss bin ich gleich hinter dem Dulsberger Lesehaus sogar noch auf einen Tierpark gestoßen, dessen exotische Bewohner auf das Fröhlichste den Gesetzen der Schwerkraft trotzen. Und das alles in einer Stunde, in der ich vom Bahnhof Barmbek aus bei jeder sich bietenden Gelegenheit abwechselnd rechts und links abgebogen bin. Was für ein Spaß! Terra incognita hinter (fast) jeder Ecke.

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Nur gestreift

Stippvisite auf der IBA in Hamburg-Wilhelmsburg. Kaum raus aus der S-Bahn, saugt ein vielfarbiges Flimmern und Wogen den Blick an – und lässt ihn auch gleich wieder zurückprallen. Was sich da im gleißenden Frühlingslicht an der Fassade der neuen Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt abspielt, ist fast schon ein Overkill für das Auge, das sich seit Monaten mit allen nur denkbaren Schattierungen von Grau und Weiß bescheiden musste. Auf dem Flachdach balancieren ein paar Arbeiter einen schmalen langen Gegenstand. Himmel, die wollen doch wohl nicht noch eine Schicht Querstreifen aufbringen!

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Und wo, bitte, geht es hier zum Infopoint? Der müsste doch eigentlich gleich gegenüber sein. Ist er auch. „Kommen Sie nur“, sagt ein freundlicher Bauarbeiter und weist mir den Weg zwischen Absperrungen und Plastikplanen. Noch eben durch die kleine Vertiefung, und schon bin ich da. Der junge Mann am Infotresen schenkt mir eine Ausgabe der Elbinsel-Karte von 2012. In wenigen Tagen wird eine Neuauflage aus der Druckerei kommen, in der auch die Route des IBA-Busses eingezeichnet ist. Den brauche ich heute ohnehin nicht. Ich werfe noch einen kurzen Blick auf das großflächige Ausstellungsmodell. Und ab ins Freilufttheater über die allmähliche Verfertigung einer Bauaustellung! Da, wo eben noch eine Kuhle war, türmt sich inzwischen ein Sandhaufen. Der freundliche Bauarbeiter ist immer noch da, klopft ein paar Mal mit der Rückseite seiner Schaufel auf die Kuppe. Hopp, hopp, und drüber. Da bekommt auch das IBA-Logo mit den kleinen blau-weiß gestreiften Männchen auf der Plane zu meiner Linken einen ganz neuen Sinn.

Auf beiden Seiten der Neuenfelder Straße sieht es aus wie auf einem dieser Wimmelbilder: Rechts mäandert die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Richtung Bürgerhaus, links erheben sich kleinere und größere Wohnklötze aus unterschiedlichsten Materialien in unterschiedlichen Fertigungsstufen: Hybrid Houses, Smart Material Houses, Smart Price Houses und Water Houses – das „I“ in IBA steht für „international“. Auch die Klötze tragen Streifenlook und Farbe, aber doch vergleichsweise dezent. Dazwischen Bagger und Betonmischer, Absperrungen, Bauarbeiter mit und ohne Schutzhelm, mit und ohne neonfarbene Westen, Bauwagen und Dixi-Klos. Auch die gibt es in erstaunlich vielen Farben.

Am Ende der Behördenwelle klettert ein Fotograf beherzt auf einen Sandhügel, zoomt sich mit seinem beachtlichen Tele einmal um die eigene Achse, kommt schließlich zum Stehen. Der Feldherr hat seinen Platz gefunden, Aug in Auge mit dem nächsten Bagger. High Noon auf der anderen Straßenseite: Wie ein Magnet zieht die Baustellenkantine – ja, die heißt wirklich so – die Arbeiter mit Gyros und Pommes rot-weiß hinter die gleichfarbige Schranke, während in der gläsernen Außenfassade des knallgrünen Hauses ein Stück weiter Mikro-Algen flüssige Nährstoffe und Kohlendioxid verputzen, um daraus mit Hilfe des endlich einmal reichlich vorhandenen Sonnenlichts Energie zu produzieren. „Photosynthese? Cool!“ ist in überdimensionalen Sprechblasen auf der Rückseite des Gebäudes zu lesen, dem smartesten der Smart Material Houses.

An die Water Houses gleich gegenüber kommt man leider gerade nicht so dicht heran, nicht nur wegen des Wassers drumherum. Andererseits entwickelt der dezent weiß-grün-blaue Gebäudekomplex hinter gelben und rot-weißen Absperrungen, die die Trasse für die Baufahrzeuge markieren, eine Ästhetik ganz eigener Art. Und wer das schöner findet, tritt einfach ein paar Schritte zur Seite und holt sich vielleicht einen roten Kran-Arm vor die Fassade. Nirgends wird man zurzeit so leicht selbst zum Requisiteur (und zum Statisten) wie auf dieser Bühne. An der Neuhöfer Straße gleich neben dem Energiebunker wird das Stück übrigens als Schattenspiel aufgeführt, jedenfalls wenn die Sonne scheint. Wohnungsbau hinter der Visionsplane…