Avatar von Unbekannt

Expedition zum K2

Bei aller Begeisterung für die Berge und ganz besonders die hohen: Auf den K2 werde ich es in diesem Leben nicht mehr schaffen. Und das keineswegs nur, weil es neuerdings immer mal wieder im Knie zwickt und zwackt. Höher als viereinhalbtausend Meter bin ich nie gekommen. Und meine Gletscher- und Klettererfahrung als rudimentär zu bezeichnen, wäre bereits geprahlt. Aber zum K2, das geht. Dafür muss man dank Latourex nicht mal ins Karakorum-Gebirge reisen. Das Laboratoire de Tourisme Expérimental, eine Art Werkstatt für touristische Unternehmungen jenseits ausgetretener Pfade, empfiehlt: „Entdecke die Gegend in einer Stadt, die sich auf dem Stadtplan im Feld K2 befindet. Koste alle kulturellen Attraktionen, gastronomischen Entzücken und Raststätten aus.“ Spannend! Besonders, nachdem ich feststellen musste, dass in meinem Hamburg-Plan bei K3 Schluss ist, gleich hinter der Süderelbe. K2 ist also offenbar fast schon Wildnis. Liebe Hamburger aus dem Süden, bitte verzeiht einer unwissenden Nordelbischen!

P1020688 Ausgestattet mit dem neuen „Stadtplan extra“ nähere ich mich Hamburgs K2 – vulgo: Heimfeld – über die Nordwestflanke: den Moorburger Hinterdeich, der sich an Wiesen mit Butterblumen, Sauerampfer und rotem Klee entlangschlängelt. „Kuckuck“, ruft es vom Sturmflutdeich geradeaus. Wäre da nicht das Gebrumm der A 7 und verschiedener Autobahnzubringer, wären da nicht die mächtigen Hochspannungsleitungen über all dem Grün, die Idylle wäre perfekt. Wo der Moorburger Bogen einen Bogen macht, lasse ich die Hafenerweiterungsflächen mit Bauschutt-Recyclinghof und Raffinerien links liegen und spaziere durch die Kleingartensiedlungen rechter Hand. Beim Klönschnack über den Gartenzaun wird mir gleich eine Parzelle zum Kauf angeboten. Nicht schlecht. Ich könnte meine eigenen Gurken und Tomaten ziehen, vielleicht ein paar Hühner halten…

P1020671 Aber erst einmal zieht es mich vorbei an allerlei Gewerbe und kleinen Einfamilienhäusern weiter Richtung Süden, auf die andere Seite der viel befahrenen B 73. Im Krankenhaus Mariahilf hole ich mir einen Kaffee „to go“. Das „gastronomische Entzücken“ in Hamburgs K2 hält sich in Grenzen. Alternativ hätte ich nur noch den Pizza-Lieferservice gegenüber ansteuern können. Dafür entschädigt ein Spaziergang durch Meyers Park gleich hinter der Klinik. Mensch, den kenn’ ich doch! Genau: In einem der hübschen Mehrfamilienhäuser in Waldrandlage habe ich eine Zeitlang regelmäßig Doppelkopf gespielt. Sogar auf dem Grill- und Spielplatz gleich neben der kleinen Lichtung war ich schon. Damals allein auf weiter Flur. An diesem sonnigen Frühsommersonntag herrscht zwischen den alten Buchen ein Betrieb wie im Basislager des Mount Everest. Was wie Morgennebel in die Baumwipfel aufsteigt, ist in Wahrheit der Rauch von Dutzenden von Grillfeuern. Und wer es gern ein bisschen steiler hätte, ist auch fast am Ziel: Die Harburger Berge mit Erhebungen bis eben über 150 Meter liegen gleich um die Ecke.

P1020696 P1020709

Avatar von Unbekannt

Hauptsache berühmt

Gestern Abend auf der Krugkoppelbrücke. Mitten auf der steinernen Brüstung sitzt ein Schönling. Schwarze Jeans, tailliertes rotes Jackett, die dunklen Haare eng an den Schädel gegelt. Vor ihm ist eine Videokamera aufgebaut. In seinem Rücken streicht weich das letzte Licht des Tages über die Alster. „Es tut mich wirklich gut…“, sagt er gerade, den Blick fest auf die Kamera gerichtet. „Halt, halt!“, ruft der Kameramann. „Mir! Es heißt: Es tut mir wirklich gut!“ Der Schönling schaut kurz zur Seite, setzt neu an: „Ja, also, es tut mir wirklich gut, wenn das Rampenlicht voll auf mir gerichtet ist…“ „Nein, mich!“, unterbricht der Kameramann erneut. „Wenn das Licht voll auf mich gerichtet ist!“ Schnitt. Was es auf der Rampe zu erhellen gibt, muss leider im Dunkeln bleiben, denn just in diesem Moment winkt am anderen Ende der Brücke die Freundin, mit der ich zu einer Alsterrunde verabredet bin…

Avatar von Unbekannt

Die Außerfriesischen

P1020584Dass ein ostfriesischer Vierkampf aus Lesen, Schreiben, Rechnen und Teebeutelweitwurf besteht, ist natürlich nur einer von diesen gemeinen landsmannschaftlichen Witzen. Tatsächlich beherrschen Friesen auch deutlich mehr Disziplinen als Klootschießen und Boßeln, wie das Hamburger Seemannsheim heute mit seinem Beitrag zur Internationalen Sportwoche der Deutschen Seemannsmissionen eindrucksvoll unter Beweis stellte. Die Wettkämpfer maßen ihre Kraft und Geschicklichkeit im Gummistiefelweitwurf, Hufeisenzielwerfen, Brettlanglauf und Boulespiel. Zugegeben, wenn man genau hinsah, merkte man schon, dass es sich eher um Friesen im Herzen handelte. Aber die Olympioniken aus der Türkei, aus Chile, Indonesien, den Philippinen und Kapverden, für die das Seemannsheim am Michel ein Zuhause in der Ferne sein will, waren mit so viel Eifer und sportlichem Erfolg bei der Sache, dass selbst Otto, der Außerfriesische, seine Freude gehabt hätte.

P1020559

Avatar von Unbekannt

„Engel, übervoll“

11185421nAlain de Botton: Kunst des Reisens. Frankfurt 2003

Paul Klee: Engel. Hamburger Kunsthalle

Über Pfingsten habe ich eine Ausstellung besucht, dreieinhalb Bücher gelesen und 701 Gedanken gesponnen, vielleicht auch mehr. So kann’s gehen, wenn es immerzu regnet. Dies soll eine Buchbesprechung werden. Aber angefangen hat es mit einer Ausstellung.

imagesMit einer Ausstellung von Paul Klees Engelbildern in der Hamburger Kunsthalle. Die meisten der spitzflügeligen Wesen hat der Künstler in seinen letzten Lebensjahren aufs Papier gebracht, viele mit kühnem Bleistiftstrich: sehr menschlich, oft unfertig oder im Übergang, zweifelnd, voller Hoffnung, teuflisch, mal anrührend („Engel, noch tastend“), mal urkomisch („Engel im Schreiten, noch unerzogen“). Beim Verlassen des Gebäudes ertappe ich mich kurz bei dem Gedanken, ob ich mir vielleicht noch eine der anderen aktuellen Ausstellungen ansehen sollte. Schließlich sind die in dem stolzen Eintrittspreis ebenso inbegriffen wie die ständige Sammlung. Ach nein! Nicht Giacomettis „Spielfelder“ über Klees Engel stülpen, auch wenn es der letzte „Spieltag“ ist. Und lieber ein andermal „Besser scheitern“.

Seit Jahren verzichte ich nun schon darauf, ein ganzes Museum auf einmal abzuarbeiten, nur weil es so billiger ist. Ich gebe zu, daran denken tue ich immer mal wieder. Und meine Liebe gehört eindeutig den kleineren Kunsträumen, die sich bei einem Besuch komplett bewältigen lassen. Bei den großen Häusern mache ich selbst einen Schnitt, beschränke mich auf eine von mehreren Ausstellungen oder einen Teil einer Ausstellung. Manchmal hätte ich es gern noch reduzierter, würde am liebsten in der Mittagspause oder am Abend mal eben vorbeischauen, einige wenige Objekte oder Bilder betrachten und wieder gehen. Diesen ganz alltäglichen Kunstgenuss habe ich vor vielen Jahren bei einem längeren Aufenthalt in Madrid (schätzen) gelernt. Wieder und wieder zog es mich damals ins Museo Nacional de Arte Reina Sofía. Mal in eine aktuelle Ausstellung, mal zu meinem jeweiligen Lieblingsbild daraus. Und immer wieder zu Picassos „Guernica“. Das hatte auch mit der Gestaltung der Eintrittspreise zu tun, keine Frage. Zu bestimmten Zeiten war der Besuch der „Reina Sofía“ sogar frei, wenn ich mich richtig erinnere, und ist es wohl heute noch. Aber geblieben ist vor allem das tiefe Erleben, dass weniger oft mehr ist und Neugier und Aufmerksamkeit gute Guides – in der Kunst ebenso wie auf Reisen.

Noch ganz beseelt vom freudigen Erinnern fiel mir Alain de Bottons „Kunst des Reisens“ in die Hände. Ich las und las. Über Erwartungen vor der Abreise, über Orte des Fortgehens und des Ankommens, über Gründe für das Reisen, darunter die individuelle Wissbegierde …, und stand plötzlich schon wieder mitten in der spanischen Hauptstadt: „Eine Gefahr beim Reisen besteht darin, dass wir Dinge zur Unzeit sehen, das heißt, bevor wir die notwendige Empfänglichkeit ausbilden konnten. … Sind wir an einen Ort gereist, den wir wahrscheinlich nie wieder besuchen werden, so fühlen wir uns verpflichtet, nacheinander Sehenswürdigkeiten zu bewundern, die nichts anderes verbindet als die räumliche Nähe. … Der Madrid-Besucher soll sich für den Palacio Real interessieren, für eine aus dem 18. Jahrhundert stammende Königsresidenz, … und – nur kurze Zeit später – für das Centro de Arte Reina Sofía, eine Kunstgalerie mit weißen Mauern, in deren Sammlung von Kunstwerken des 20. Jahrhunderts Picassos ‚Guernica‘ einen Höhepunkt darstellt. Genau die sollte jemand, der sein Wissen über die Architektur von Königsschlössern aus dem 18. Jahrhundert vertiefen möchte, aber auslassen. Natürlich verliefe eine Entwicklung, wenn derjenige sich vom Palacio Real zur Prager Burg oder zum ehemaligen Zarenpalast nach St. Petersburg aufmachte.“

Ich fürchte, eine richtige Rezension wird das hier nicht mehr. Aber ich rate zu: zu Klees Engeln, zu Madrid – und zu Alain de Bottons Essays über das Reisen. In ferne Länder ebenso wie vor der eigenen Haustür: „Bewegen wir uns mit der Einstellung von Reisenden an unserem angestammten Platz, erweist der sich womöglich als nicht weniger interessant als die Hochgebirgspässe und die von Schmetterlingen durchschwirrten Dschungel in Humboldts Südamerika. Was also kennzeichnet die Einstellung beim Reisen? Empfänglichkeit ist wohl ihr wichtigstes Merkmal. Wir nähern uns Neuem mit Demut. Wir haben keine fest gefügten Vorstellungen darüber im Gepäck, was interessant ist. Wir verunsichern Einheimische, weil wir auf Verkehrsinseln und auf schmalen Straßen stehen und bewundern, was sie für seltsame kleine Details halten. Wir laufen Gefahr, umgerannt zu werden, weil wir gefesselt sind vom Dach eines Regierungsgebäudes oder einer Mauerinschrift. Wir finden einen Supermarkt oder einen Frisiersalon ungemein faszinierend. Wir betrachten ausgiebig das Layout einer Speisekarte oder die Kleidung des Sprechers der Abendnachrichten. Wir erkennen die Spuren der Vergangenheit im Gegenwärtigen und machen Aufzeichnungen und Fotos.“