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All der Dinge Meer

Kannst dich nicht versenken? / Lässt dich Welt nicht leer?

Kannst dich nicht entlenken / all der Dinge Meer?

Ist in Dem zu ruhen, / draus dein Wesen sprang,

deinen Wanderschuhen / gar kein lieber Gang? –

Wenn der Tag beschlossen, / sei, mein Geist, versenkt,

sei, mein Herz, ergossen / in Den, der dich denkt.

Christian Morgenstern

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Schattenspiele

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke: Herbsttag

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Für die Flamme begeistert

Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt;
jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.

Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte;
wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau’s?
Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.
Wehe -: abwesender Hammer holt aus!

Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;
und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,
das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.

Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,
den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne
will, seit sie lorbeern fühlt, daß du dich wandelst in Wind.


Rainer Maria Rilke, aus: Die Sonette an Orpheus, Zweiter Teil

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Vorübergehend keyif

Jeder Mensch hat idealerweise einen Ort, an den er immer wieder zurückkehrt. An dem er sich wohlfühlt und zur Ruhe kommt. In Schweden nennt man einen solchen Ort Smultronställe. Smultron sind Walderdbeeren. Eine Smultronställe ist also eigentlich ein Ort, an dem Walderdbeeren wachsen. In Wirklichkeit ist sie aber viel mehr. Auch ein gepflasterter Marktplatz kann so eine Walderdbeerenstelle sein, wenn auch manchmal nur vorübergehend.

Dafür braucht es einige Hochbeete, gerne auch welche mit Erdbeeren zum Naschen, das muss aber nicht sein. Dazu Sitzgelegenheiten und ein kleiner Spielplatz, damit Menschen dort gern verweilen.

Steckt man dann noch Zauberworte in verschiedenen Sprachen in die Beete, bekommen die Menschen Lust, herumzustreifen und Neues zu entdecken. Manch einer freut sich vielleicht still, eine andere teilt ihre Begeisterung mit eben noch Fremden. Eine Smultronställe muss nicht einsam sein.

Der Übergangsgarten auf dem Koberg, dem zweitgrößten Marktplatz in der Lübecker Altstadt, ist noch bis zum 6. Oktober geöffnet. Er ist Teil des Stadtentwicklungsprojekts „Übergangsweise“. Der Name soll dabei nicht nur für das Vorübergehende stehen, sondern auch den Prozess zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung verdeutlichen. Das Projekt wird mit Mitteln des Bundesprogramms „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ gefördert.

P.S. „Keyif“ ist türkisch und bedeutet: still und glücklich in sich ruhen, den Moment genießen.

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She walks in beauty

She walks in beauty, like the night
Of cloudless climes and starry skies;
And all that’s best of dark and bright
Meet in her aspect and her eyes;
Thus mellowed to that tender light
Which heaven to gaudy day denies.

One shade the more, one ray the less,
Had half impaired the nameless grace
Which waves in every raven tress,
Or softly lightens o’er her face;
Where thoughts serenely sweet express,
How pure, how dear their dwelling-place.

And on that cheek, and o’er that brow,
So soft, so calm, yet eloquent,
The smiles that win, the tints that glow,
But tell of days in goodness spent,
A mind at peace with all below,
A heart whose love is innocent!

Lord Byron

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Was du siehst

Die Frage ist nicht, auf was du schaust, sondern was du siehst.

Henry David Thoreau (1817 – 1862)

Ich denke, der Naturphilosoph Thoreau hätte nichts dagegen, dass ich mir seinen schönen Satz über die Wahrnehmung ausleihe, während ich vor dem Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen stehe und für einen Moment all die Inspiration spüre, die ich dort so viele Male erlebte, und mich schon vorfreue auf künftiges Augenfutter, wenn die Baustelle endlich keine Baustelle mehr ist.