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Lebenswege

Es gab Leute, die erst etwas sagten und dann nachdachten – als gäbe dieses Wort eine zeitliche Abfolge vor. Leute, die während eines ganzen Abends keine einzige Frage stellten, und andere, die unablässig fragten, um das Gespräch von sich fernzuhalten. Es gab Leute, die einen widerlegten, andere, die einen bestätigten, und nur wenige hatten, wie Florentine und Hannes, jene Offenheit, die ohne Urteil auskam.

Eine Nacht im Pfarrhaus hatte gereicht, um Bene zu zeigen: Es gab nichts, was nicht wiederkam, nichts, was verlassen werden konnte. Er konnte die Zeit nicht in Büchern einschließen, alles lebte in ihm fort. Diese Küche hatte es getan, der Brunnen im Garten, und es war nichts Verwerfliches an der Sehnsucht, zu den Orten zurückzugehen, die einen geprägt hatten. Nicht, um einmal gefasste Überzeugungen zu bestätigen, sondern um abzugleichen, wo man unterdessen ein anderer geworden war.

Aus: Iris Wolff „Die Unschärfe der Welt“, Roman, Stuttgart 2020

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Gleich ganz da

Durch eine Flügeltür betrete ich die zugewachsene Terrasse und gehe in den Garten. Es sieht aus, als wäre nichts eingerichtet oder angelegt worden. Es gibt weder Zäune noch Hecken, und der Eindruck von nachlässiger Wildheit kommt mir vor wie hohe Gartenkunst. Fast fühle ich mich zu sehr willkommen, es fehlt ein Kennenlernen, ich bin gleich ganz da.

Aus: Franziska Hauser „Sommerdreieck“

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Verwirrend melodiös

Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule
trafen sich im Schatten einer Säule,
die im Geiste ihres Schöpfers stand.
Und zum Spiel der Fiedelbogenpflanze
reichten sich die zwei zum Tanze
Fuß und Hand.

Und auf seinen dreien rosa Beinen
hüpfte das Vierviertelschwein graziös,
und die Auftakteul‘ auf ihrem einen
wiegte rhythmisch ihr Gekrös.
Und der Schatten fiel,
und der Pflanze Spiel
klang verwirrend melodiös.


Doch des Schöpfers Hirn war nicht von Eisen,
und die Säule schwand, wie sie gekommen war,
und so mußte denn auch unser Paar
wieder in sein Nichts zurücke reisen.
Einen letzten Strich
tat der Geigerich –
und dann war nichts weiter zu beweisen.

Christian Morgenstern: Der Tanz

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Sehnsucht nach Zufall

Es gibt freiwilliges Allein,
Das doch ein wenig innen blutet.

Verfrühter Gast in einer Schenke sein,
Wo uns derzeit kein Freund vermutet – –


Und käme plötzlich doch der Freund herein,
Den gleiche Abenteuer-Wehmut lenkt,
Dann wird es schön! Dann steigt aus schlaffen Träumen
Ein gegenseitig stärkendes Sichbäumen
Und spricht, was in ihm rauh und redlich denkt.

Joachim Ringelnatz: Sehnsucht nach Zufall

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Gleichsam verwandt

Sooft ich in die wunderbare Welt hineinblicke, und mir vorstelle, ich schaute sie zum ersten Male an, so verwundre ich mich jedesmal über die unendliche Mannigfaltigkeit der Formen, über die verschiedenartigen Gebärden, die jedes andre Wesen unter den übrigen macht. […]

Aber noch seltsamer fällt es mir auf, wenn ich die unterschiedlichen Farben betrachte, wodurch alle Gegenstände noch mehr getrennt, und dann gleichsam wieder verwandt und befreundet werden.

Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773 – 1798)

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All der Dinge Meer

Kannst dich nicht versenken? / Lässt dich Welt nicht leer?

Kannst dich nicht entlenken / all der Dinge Meer?

Ist in Dem zu ruhen, / draus dein Wesen sprang,

deinen Wanderschuhen / gar kein lieber Gang? –

Wenn der Tag beschlossen, / sei, mein Geist, versenkt,

sei, mein Herz, ergossen / in Den, der dich denkt.

Christian Morgenstern

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Schattenspiele

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke: Herbsttag