„Und ich war alleingelassen, am lauen Nachmittag, unbekümmert um meine Kleidung und zufrieden in meiner Haut, unvollkommen und ohne Aussicht auf Vervollkommnung. Da schien mir, Lucille würde sich ewig weiter berufen fühlen, mich zu schubsen, schieben, überreden, als könnte sie mir den mangelnden Willen ersetzen, mich in eine geziemende Form zu pressen und durch die weiten Grenzgebiete in jene andere Welt zu gelangen, von der ich den Eindruck hatte, sie könnte niemals mein Ziel sein. Denn mir schien, dass dort nichts von dem zu finden war, was ich verloren hatte oder verlieren könnte…“
Aus: Marilynne Robinson, Haus ohne Halt
Wie Spitzwegs „Armer Poet“ hockte der Mann unter seinem Schirm am Elbufer. Die bloßen Füße im frühlingskalten Sand, brachte er mit ruhigen Bewegungen Wasser in einer Thermoskanne zum Kochen. In meinem Rucksack trug ich Marilynne Robinsons frühen Roman, im Herzen die verstörend-schöne Stimme der jugendlichen Erzählerin Ruthie. Es gibt so Zufälle…
Hypnotisch das Abflussrohr aus dem hoffentlich nur Wasser kommt und das nur bei Regen
Ich traue dem Mann zu, gegebenenfalls in aller Ruhe einen neuen Standort für seinen Schirm zu finden.
Liebe Maren, schönes Foto, ja. Ich mag das. Es spricht zu mir, erzählt aber keine traurige Geschichte. Ich kann mich natürlich irren, aber das sieht nicht unglücklich für mich aus. Danke fürs Teilen, auch danke für die Textpassage aus Deinem Roman. Sehr atmosphärisch. Komm gut durch den Sonntag. Liebe Grüße von Nebenan.
Mir erzählt das Foto auch keine (primär) traurige Geschichte. Ich sah einen Mann unter seinem Schirm, zwar allein, aber „unbekümmert um (seine) Kleidung und zufrieden in (seiner) Haut, unvollkommen und ohne Aussicht auf Vervollkommnung“. Einen schönen Rest vom Sonntag wünsche ich dir!
Danke für den Literaturhinweis, liebe Maren … jetzt hast Du mich richtig neugierig gemacht!
Sehr gern! Ich bin mir fast sicher, dass dir Marilynne Robinson auch gut gefiele, Birgit. Ich kenne drei ihrer bisher vier Romane und war von jedem tief berührt.
Scheinbar ziellos: der Vagabund.
Manchmal geht man an jemandem vorbei, unbemerkt von ihm, und empfindet erstaunlicherweise, dasselbe Ziel mit ihm zu teilen. Ein „Zufall“ hilft vielleicht sogar, diese Empfindung nicht sofort zu verscheuchen: Das Ziel liegt in der Gegenwart? War mir vielleicht genau DAS zugefallen? Und hat er es vielleicht doch bemerkt, der andere? Irgendwie?
Gruß aus der Vergangenheit des Niedergeschriebenwordenseins in die Zukunft des (vielleicht) Gelesenwerdens
Nun ist auch mein Lesen schon wieder Vergangenheit und deines noch Zukunft…
Ich bin für jeden Zu-fall von Gegenwart dankbar, Michael. Und es stimmt: Der Mann unter seinem Schirm wirkte sehr gegenwärtig. Ich hatte allerdings einen etwas anderen Zu-fall im Sinn: gerade dieses Buch zu lesen und sogar bei mir zu tragen, während ich an diesem Mann vorüber ging. Da schien die eine in die Fußstapfen des anderen zu treten. Ruthie, die Erzählerin in dem Roman, unternimmt allergrößte Anstrengungen, um einer Vergangenheit habhaft zu werden, von der sie radikal abgeschnitten ist. In der Gegenwart findet sie keinen Halt. Die zitierte Textpassage markiert quasi einen Wendepunkt auf ihrem Weg. Aber mehr verrate ich nicht – kann ja sein, du möchtest das Buch noch lesen.
So hatte ich es auch verstanden: der Gedanke an eine „innere Heimat“, die nicht den anerkannten Formen gerecht wird, war im Gepäck und im Herzen mit dabei – und dann die Figur dazu live. Ich liebe diese Zusammenklänge, sie sprechen für mich davon, dass wir auf einer tiefen Ebene verbunden sind und das auch erleben können, wenn wir den Mut haben, die Augen dafür aufzumachen. Und das Buch … ist längst auf meinem Reader (sorry) angekommen. Gar kein Zufall. Danke für die Anregung. 🙂
Viel Freude mit dem Buch! Es ist nichts an der Form gelegen. 😉
Welch eine schöne Textpassage! Ich mag sie sehr, und den Mann unter seinem großen Schirm – ja, den mag ich auch.
Das freut mich, Gerda. Ich mag sie auch – sehr sogar.