Halb schien sie sich an den mächtigen Stamm der Buche zu lehnen, halb den Baum zu umarmen. Wie ein Kind, dachte ich, das mit seinen dünnen kurzen Ärmchen nur einen kleinen Ausschnitt von so einem alten Riesen zu fassen kriegt. Unter dem Tuch, das sie zu einer Art Turban um den Kopf geschlungen hatte, schauten mir zwei dunkle Augen unverwandt entgegen. Vielleicht erwiderte sie auch nur meinen ebenfalls sehr direkten Blick.
Unter den Bäumen habe ich mit meinen Enkeln getanzt, sagte sie, als ich auf gleicher Höhe angekommen war.
Wie schön!
Nein, widersprach sie bestimmt. Meine Tochter hat alle Wurzeln von den Bäumen abgehackt.
Oh… Tochter und Enkel. Wurzeln. Baumstämme. Stammbäume… Als ich noch überlegte, von welchen Wurzeln die alte Frau wohl sprach, huschte ein Lächeln über ihr kleines Gesicht. Überraschend kraftvoll packte sie meine Hand: 1960 war ich mit meinem Mann auf dem Weg nach Istanbul. Er trug mich auf Händen, auch noch nach der Fehlgeburt… 1971 wurde meine Tochter geboren… Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun… Habe ich nicht Recht?
Wenn ich das wüsste. Womöglich ist das auch gar nicht die entscheidende Frage, dachte ich, ganz plötzlich hineinkatapultiert in eigene familiäre Verstrickungen. Da war sie wieder, diese alte Sehnsucht:
„Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns.“ Zwei kurze Sätze des persischen Mystikers und Dichters Rumi (1207-1273).
Laut sagte ich: Da braucht man Geduld…
Liebe Maren, ich mag diesen kleinen Text sehr! Das Neben- und Ineinander von rätselhaften Anspielungen und scheinbar klaren, eindeutigen Angaben, die Wechsel zwischen den beiden so unterschiedlichen Frauen und dass an mehreren Stellen etwas „durchschimmert“, das uns einlädt unseren eigenen Gedanken nachzugehen … Herzliche Grüße!
Wie schön, dass du die Schwingungen aufgenommen hast, liebe Jutta! Danke für deine Zeilen und herzliche Dienstagsgrüße in die Stadt mit dem Schlüssel zur Welt!
Freut mich auch – und auch, dass das mit dem Schlüssel zwischen uns geklärt ist 😉
Oh, ich habe da nie eine Konkurrenz gesehen: Wir haben das Tor, ihr den Schlüssel, zusammen sind wir unschlagbar. 😉
Also, auch wenn ich gegen eine gepflegte Derby-Atmosphäre nichts habe – du glaubst ja nicht, wie es mich freuen würde, wenn sich diese Einschätzung bei den Fan-KollegInnen ein bisschen rumsprechen würde … Gehen wir also mit gutem Beispiel voran 😉
Hihi, ich sprach jetzt eigentlich mehr vom Tor zur Welt, nicht vom Fußballtor…
Aber du kennst die „Choreo“ dazu? Bin auf dem Sprung nach Oldenburg, morgen gibt es weniger kryptische Antworten und vielleicht finde ich sogar ein Foto 😉
Ein wunderbarer Text, der mich sehr berührt hat, liebe Maren. Ich grüße Dich herzlich aus Deal, wo der Blick auf das ruhige Meer im Abendlicht zum Träumen einlädt, Peggy
Danke schön, liebe Peggy. Mich hat die Begegnung unter der Buche auch ziemlich berührt.
Ihr seid inzwischen in Deal? Habt also Sandwich vermutlich schon hinter euch? Und du verrätst mir nicht, ob sich der Kleine Entdecker nun für Ham oder für Cheese entschieden hat? 😉
Liebe Grüße!
Gerade lese ich: Töchter des Himmels, es geht um die Verstrickungen von Müttern, die aus China ausreisten und Töchter in Amerika aufzogen, da gibt es viel Spannung, Kulturen, die aufeinander prallen mit allen ethischen Problemene, die man sich nur vorstellen kann. Es ist ja schon so oft schwierig zwischen Töchtern und Müttern, nicht wahr? Daran erinnert mich dein wunderbarer Text, danke dir … liebe Grüsse Ulli
Ich danke d i r, liebe Ulli. Auf die „Töchter des Himmels“ hatte mich schon mal jemand aufmerksam gemacht. Wie liest sich denn das Buch? Herzliche Abendgrüße zu dir auf den Berg!
Liebe Maren, ach das Buch schlabbert sich so weg … sprich: leicht und schnörkellos liest es sich, eine schöne Hitzelektüre, wenn nicht mehr in den Kopf reingehen will zwischen schwitzen vor der Haustüre oder hinter dem Herd …