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So lebendig, so vergänglich

Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt;
jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.

Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte;
wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau’s?
Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.
Wehe -: abwesender Hammer holt aus!


Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;
und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,
das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.


Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,
den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne
will, seit sie lorbeern fühlt, daß du dich wandelst in Wind.

Rainer Maria Rilke, 12. Sonett aus dem Zweiten Teil der Sonette an Orpheus

Rilkes Sonett über die Vergänglichkeit kam mir in den Sinn, als ich kürzlich auf dem herrlichen Skulpturenpfad hinter dem WaldHaus an der Wonnhalde in Freiburg im Breisgau herumspazierte. So viel Leben hat der Holzkünstler Thomas Rees seinen aus alten Bäumen gefertigten „WaldMenschen“ eingehaucht, es ist eine Pracht! Schau dir nur mal die geblähten Nüstern des Pferdes des vierten apokalyptischen Reiters auf dem Bild oben an. Du meinst glatt, es schnauben zu hören. Der riesige Drache, Schneewittchen mit den sieben Zwergen, die an der holden Maid zu kleben scheinen, die Tanzenden, die Alten, all die knorpseligen, mal mehr, mal weniger menschenähnlichen Wesen und Gestalten stecken voller Leben. Und sind zugleich wunderbar vergänglich. Den Langnasen ist ihr hölzernes Riechorgan längst abhanden gekommen. Moos bedeckt viele der Skulpturen, die so allmählich mit der grünen Umgebung verwachsen. Aber Vorsicht: Dieser Wald hat Augen…

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Spielen mit Räumen

Pläne? Ministürme!
Mist! Plane neu, reime!
Meine Muse planiert
Preise mein Taumeln
Immer leiten Pausen

Das Foto habe ich 2019 in den Räumen der Fondation Beyeler in Basel aufgenommen. Die „Sitzende Figur“ aus Holz stammt vermutlich aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Sie wurde in der M’bembe-Region in Nigeria gefertigt und zierte einst eine Riesentrommel. Im Hintergrund ist Mark Rothkos Ölbild No. 18 „Brown and Black on Plum“ von 1958 zu sehen.

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Alle naslang

Alle naslang begegnet einem irgendwas, wenn man, quasi immer der Nase nach, durch die Gegend streift. Wie hoch die bronzene Frau auf dem Angermünder Markt die ihre trägt!

Wem nur mag der Narr vor der Klosterkirche ein paar Straßen weiter eine lange Nase drehen? Die älteste bildliche Darstellung der Geste findet sich, wie ich später nachlas, im Fest der Narren, einer Radierung Pieter Bruegels des Älteren aus dem Jahre 1559. Auch im Englischen sagen sie übrigens to thumb one‘s nose. Und im Französischen verlängert man die Nase gleich um eine Fußlänge, wenn man jemanden verspottet: faire un pied de nez.

Meine Nase hat mich übrigens nicht getrogen: Den Angermünder Künstler Christian Uhlig, der sowohl den Marktbrunnen als auch die Geschichte ohne Ende vor der Klosterkirche gestaltete, kannte ich tatsächlich bereits. Die Flötistin und der Cellist aus der Skulpturengruppe Zeitreise in Wittenberge an der Elbe, an denen ich vor Jahren vorbei radelte, sind auch von ihm. Sehen sie nicht aus wie Geschwister der Dame auf dem Angermünder Markt?

Wie auch immer: Die Nase vorn hat sicher der Elefant vor einer Wohnanlage in Hamburg-Eimsbüttel, den ich im vergangenen Herbst fotografierte. Mit dessen Rüssel kann selbst ein spottender Franzose nicht mithalten.