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Bücher retten

„Wenn du drei Bücher vor der Apokalypse, die alle anderen Bücher auf dem Planeten zerstört, retten könntest – welche wären es? … Welche Bücher sind es wert, gerettet zu werden? Welcher Lesestoff muss unbedingt vor der Apokalypse bewahrt werden? … Das Wichtigste dabei ist natürlich das Warum: Warum sind es genau diese drei und nicht andere? Die Entscheidung ist keine leichte. Daher sollte man sich beschränken – sagen wir auf eine Begründung in nicht mehr als 140 Zeichen pro Buch.“

Was für ein Spiel! Begonnen hat es auf dem Blog texte und bilder und greift um sich wie ein Feuer. So viele bauen mit an dieser besonderen Bibliothek. Ich bekam die Maurerkelle von Kai vom skyaboveoldblueplace (Vorsicht: Festlesegefahr!)  in die Hand gedrückt, der weiß, dass ich für Ketten-Aktionen normalerweise nicht zu haben bin, aber wohl geahnt hat, dass Bücher-Retten eine Maßnahme ist, die eine Ausnahme erfordert.

Hier also meine ziemlich spontane Auswahl (bloß nicht zu lange nachdenken, sonst geht man vor lauter Zweifeln mit allen Büchern unter):

Geert Mak: In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert.
Zur Erinnerung. Und um nach Möglichkeit ein paar Fehler zu vermeiden. So viele Orte. So viele Menschen.

Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts. Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis.
Es könnte lange dauern, bis wieder mal einer so ein sprachmächtig-farbenfroh-bizarr-dramatisch-komisches Gesamtkunstwerk hinbekommt.

Rainer Maria Rilke: Die Gedichte (die Dünndruckausgabe aus dem Insel Verlag)
Ohne Rilke gehe ich nirgends hin. Punkt.

P.S. Ich habe darauf geachtet, dass keines der Bücher weniger als 900 Seiten dick ist. Wir wollen schließlich etwas davon haben.

Zwei weitere Blogger soll ich nun noch bitten, jeweils drei wichtige Bücher zu retten. So sind die Regeln. Ich bitte also Roswitha, die in ihrem Photolaboratorium immer wieder ganz besondere Blicke in die große weite und manchmal auch ganz kleine Welten öffnet, und ich bitte Saša Stanišić, dessen gerade ausgezeichneter Roman „Vor dem Fest“ auch mir ganz ausgezeichnet gefallen hat und der unvorsichtig genug war, seine Blogadresse zu hinterlassen. Und erlaube mir hinzuzufügen: Alles kann, nichts muss! Aber freuen würde ich mich.

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Leipziger Allerlei

P1010803Spontan und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zehn Eindrücke vom Besuch der Leipziger Buchmesse 2014, die mir in Erinnerung bleiben werden:

P1010913Dass die Nikolaikirche, von der Ende der 1980er Jahre die Montagsdemonstrationen ihren Ausgang nahmen, immer noch voller Leben ist. In diesem Fall voller Schüler, die gebannt Hanna Schotts „Wendewundergeschichte“ von Fritzi folgten, die damals dabei war.

P1010945Überhaupt die Schönheit andächtig lauschender Menschen.

P1010995Eine kurze Begegnung mit Navid Kermani. Das war ein Muss, nachdem ich Birgits wunderbar persönliche Besprechung seines Romans „Große Liebe“ auf Sätze&Schätze gelesen (eigentlich eher: verschlungen) hatte. Den Kermani (die „Große Liebe“ natürlich) habe ich nun auch verschlungen (an einem langen Abend zwischen zwei Messetagen). Da passt alles: Klug wirkt Kermani, sehr aufmerksam, warmherzig, dabei ein wenig distanziert, wie einer, der sich nicht leicht preisgibt. Ein „Madschnun“, ein Verrückter wie der große persische Liebende, ist ja bei aller Selbstvergessenheit auch der Junge in seinem Buch nicht.

P1010949Die sprühende Lebendigkeit von Feridun Zaimoglu. Auf meiner Leseliste ist sein Roman „Isabel“, eine Liebesgeschichte ganz anderer Art, allerdings nicht deswegen, sondern wegen Zaimoglus eher beiläufiger Bemerkung gelandet, er habe beim Schreiben 15 Kilo abgespeckt, um der mageren zornigen Isabel sprachlich gewachsen zu sein.

P1020002Die Lust, mit der sich die vielen Manga-Kids auf dem Messegelände selbst inszenierten.

P1010953Dass Saša Stanišić für seinen zweiten Roman „Vor dem Fest“ den Belletristik-Buchpreis gewonnen hat. Ich bin zwar noch ganz am Anfang, aber soviel kann ich jetzt schon sagen: Das Buch ist ein Fest!  Und der Autor sowas von sympathisch: sehr selbstbewusst und zugleich bodenständig-natürlich. Wahl-Hamburger noch dazu. Nicht dass das wichtig wäre, aber doch irgendwie nett. Das Foto zeigt übrigens den kleinen Neo, Minuten, bevor er die wahrscheinlich erste Widmung seines Lebens erhält, auf dem Arm seiner Mama, die bereits eifrig in dem Buch schmökert. Ich hoffe, dass der dritte Roman Stanišićs, eine Familiengeschichte, erscheinen wird, bevor Neo lesen gelernt hat.

P1010978Die Direktheit von Michael Ballhaus. Hat dieser großartige Kameramann, der leider seit ein paar Jahren nicht mehr arbeiten kann, weil die Augen zu schwach geworden sind, und den ich immer für den Inbegriff eines Gentleman gehalten habe, wirklich gesagt, dass Jack Nicholson sich bei den Dreharbeiten zu XYZ wie eine Sau aufgeführt hat? Ein Grund mehr, Ballhaus‘ Biografie „Bilder im Kopf“ zu lesen.

P1010840Der Buchtitel „Der Allesforscher“. Für einen neugierigen Menschen die Verheißung schlechthin. Ein Wort so schön wie „Universalgelehrter“. Der Titel war übrigens zuerst da. Aber was der Autor Heinrich Steinfest, der bisher vor allem Krimi-Lesern bekannt sein dürfte, im Gespräch mit Denis Scheck („Druckfrisch“) über den Inhalt verriet, hört sich auch gut an: ein explodierender Wal, ein Manager, der in der Folge zum Bademeister implodiert, ein verwaistes Kind, das nicht spricht, aber sonst ungewöhnlich talentiert ist…

P1020094Die wahrscheinlich begabtesten Nachwuchskünstler der Stadt: die Buchkinder Leipzig, die an der Schwelle zum Schriftspracherwerb unter der Anleitung von Rulo Lange phantastische Bilderbücher gestalten, mit Texten, die weder alter noch neuer Rechtschreibung folgen sondern etwas ganz Eigenem, das man vielleicht Recht-Sprechung nennen könnte, wenn der Begriff nicht schon besetzt wäre. Jedenfalls liest man sich die Geschichten am besten laut vor um sie zu verstehen.

P1010927Last but not least: die Freundlichkeit der Menschen. „Geht nicht“ und „Gibt es nicht“ scheinen Wendungen zu sein, die im Sprachgebrauch eines durchschnittlichen Leipzigers nicht vorkommen. Wenn das ein Unternehmen wäre, würde ich sagen, die haben einen Chef, der darauf achtet, dass mit den Kunden ordentlich umgegangen wird. Aber wie macht das eine Stadt, dass man noch beim Einkauf eines Regenschirms den Eindruck hat, ganz besonders willkommen zu sein? Ganz zu schweigen von dem Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn einem noch schnell ein Stuhl in die eigentlich längst ausgebuchte Veranstaltung gerückt wird. Ist mir nicht nur einmal passiert. Danke, Leipzig!