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On muddy ground

Von Perlen baut sich eine Brücke
Hoch über einen grauen See,
Sie baut sich auf im Augenblicke,
Und schwindelnd steigt sie in die Höh.

Der höchsten Schiffe höchste Masten
Ziehn unter ihrem Bogen hin,
Sie selber trug noch keine Lasten
Und scheint, wenn du ihr nahst, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom, und schwindet,
Sowie des Wassers Flut versiegt.
So sprich, wo sich die Brücke findet,
Und wer sie künstlich hat gefügt?

Friedrich Schiller

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Licht und Schatten

P1030689Wenn sich der Äther erhebt in hoher heiliger Klarheit,
wenn sich ein fließendes Gold über die Erde ergießt,
und vor dem strahlenden Gott die Schatten leise zerrinnen,
freu’t sich der blendende Glanz und das allmächtige Licht.
Aber bezaubernder, Freund, erscheint dir die liebliche Gegend –
denn dich freut der Contrast und der gemäßigte Glanz –
wenn die Wolke sich hebt und wechselnd auf Thäler und Dörfchen,
Tannenwälder und Seen dunkle Schattirungen streut,
oder der silberne Mond am Berge freundlich hervorsteigt,
und der Schatten des Berg’s tief in die Thäler sich senkt.

P1030696O, wie die Höhen sich dann in heiligem Schimmer verklären;
wie das freundliche Licht heller den Schatten besäumt! –
Und doch klagtest du jüngst, dein trauriges Schicksal beweinend,
wie des Lebens Gefild‘ oft, ach! so dunkel dir sey;
wie auf der Stellen geliebtester dämmernd ein Schatten sich lagre,
oft, nach dem lieblichsten Tag, schwarz dich umgebe die Nacht.
Wechsel vergnügt dein Gemüth; es freuet der Wechsel uns alle:
freue dich, Glücklicher, doch, daß du nicht glücklicher bist.

Sophie Mereau (1770-1806)

P1030695Ich hatte noch nie von Sophie Mereau gehört, als ich zufällig ihr Gedicht Licht und Schatten in die Hände bekam. Jetzt weiß ich ein bisschen mehr: Über ihren Ehemann, den  Jenaer Juraprofessor Friedrich Ernst Carl Mereau, lernte Sophie Friedrich Schiller kennen. Schiller erkannte ihr Talent, lobte es altväterlich-gönnerhaft („Ich muß mich doch wirklich darüber wundern, wie unsere Weiber jetzt, auf bloß dilettantischem Wege, eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahe kommt.“) und veröffentlichte ihre Gedichte. Privat war Sophie Mereau weniger glücklich. Sie hatte mehrere Affären, ließ sich schließlich scheiden und heiratete den Schriftsteller Clemens Brentano, mit dem sie zuvor eine Affäre gehabt hatte. Mit 36 Jahren starb sie bei der Geburt des dritten Kindes.