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Lebenswege

Es gab Leute, die erst etwas sagten und dann nachdachten – als gäbe dieses Wort eine zeitliche Abfolge vor. Leute, die während eines ganzen Abends keine einzige Frage stellten, und andere, die unablässig fragten, um das Gespräch von sich fernzuhalten. Es gab Leute, die einen widerlegten, andere, die einen bestätigten, und nur wenige hatten, wie Florentine und Hannes, jene Offenheit, die ohne Urteil auskam.

Eine Nacht im Pfarrhaus hatte gereicht, um Bene zu zeigen: Es gab nichts, was nicht wiederkam, nichts, was verlassen werden konnte. Er konnte die Zeit nicht in Büchern einschließen, alles lebte in ihm fort. Diese Küche hatte es getan, der Brunnen im Garten, und es war nichts Verwerfliches an der Sehnsucht, zu den Orten zurückzugehen, die einen geprägt hatten. Nicht, um einmal gefasste Überzeugungen zu bestätigen, sondern um abzugleichen, wo man unterdessen ein anderer geworden war.

Aus: Iris Wolff „Die Unschärfe der Welt“, Roman, Stuttgart 2020

6 Kommentare zu “Lebenswege

  1. Danke für die Textstellen, die sehr philosophisch „rüberkommen“ und vor allem für das traumhaft schöne Foto, das mich total anspricht und fasziniert.

    Einen lieben Gruss, Brigitte

    • Danke, liebe Brigitte. Vielleicht hängt der Eindruck des „Philosophischen“ damit zusammen, dass ich eine Textstelle ziemlich am Ende des Romans ausgewählt habe, wo die Fäden zusammenfinden. Mir ist von dem schmalen Band vor allem ein Gefühl großer, fast schwebender Ruhe geblieben, von Konzentriertheit auch. Und die Sprache ist ein Gedicht. Freut mich, dass dir das Foto gefällt. Ein Blick durch Fensterscheiben, von der Straße in eine Galerie. Herzliche Grüße!

  2. Hi Maren,
    welch wunderschönes Foto präsentierst du uns 👍
    Und danke, dass du uns auf Iris Wolff aufmerksam machtest. Wir haben gerade „Clearings“ bestellt und sind gespannt.
    Herzliche Grüße vom sonnigen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    • Vielen Dank, Klausbernd! Seit eine Freundin mich auf das japanische Wort „Komorebi“ aufmerksam gemacht hat, spiele ich damit ab und zu fotografisch herum. „Komorebi“ bezeichnet das Phänomen von Sonnenlicht, das gefiltert durch die Blätter von Bäumen auf den Boden fällt. Es beschreibt sowohl das visuelle Lichtspiel als auch das emotionale Erleben eines friedlichen, flüchtigen Moments. Euch viel Freude mit „Clearings“! Ich habe bisher nur die „Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff gelesen und bin gespannt auf „So tun, als ob es regnet“, das schon bereit liegt. Herzliche Grüße!

  3. Danke für das inspirierende Zitat. Dieses Buch wurde mir bereits empfohlen, jetzt werde ich es mir organisieren. So sage ich, da ich in Italien lebe und an deutschen Lesestoff schwer heranzukommen ist, das heißt, nicht kostenlos in der Bibliothek. 😉 Herzliche Grüße!

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