Lange war ich nicht zu haus. / Die mutter, / mit schuldbewussten augen, / begrüßte an der tür den seltenen besuch. / Der vater schloss das buch, / das schmal war wie die zeit, / die übrigblieb vom tag.
Sie setzten mich hinter den alten tisch, / schenkten himbeerwein ein. / Die linden blickten herein. / Am offenen fenster verneigte ich mich, / erstaunt, betrunken zu sein.
Knospe, knöspchen, sag, / ist das denn möglich, / von einem fingerhut voll wein / und noch dazu aus himbeeren?
Dummkopf, / fingergroß von der erde, / so klein bist du daheim,
duftet direkt ins ohr die rose.
Mit einemmal entsann ich mich, / wo wir zu hause das salz haben.
Jan Skácel: Wo wir zu hause das salz haben
Heute bin ich mit dem mährischen Dichter Jan Skácel (1922 – 1989) in dessen Elternhaus gereist und anschließend gleich weiter in meines, das es so gar nicht mehr gibt. Habe mich daran erinnert, wo wir zu Hause das Salz hatten und noch ein paar andere Dinge. Das tat so gut.
Das Gedicht entnahm ich dem 2018 veröffentlichten Band „Für alle die im Herzen barfuß sind“, das neben der wunderbaren Lyrik auch Kurzprosa von Jan Skácel enthält und dazu eine Einführung des Herausgebers Peter Hamm und die Laudatio, die Peter Handke für Skácel hielt, als dieser 1989 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet wurde. Sehr zu empfehlen!
Wunderbar und sehr anreizgebend…zumal ich mal „Knospe“ hieß…DANKE
Wenn das kein feiner Zu-fall ist, Sonja! 🙂
übersetzt von Reiner Kunze? Ich meine, da gab es eine freundschaftliche Verbindung…ein so feines Gedicht!
Ja, übersetzt von Reiner Kunze. In dem Buch sind eine ganze Reihe Übersetzer vertreten. Kunze war, wenn ich es richtig verstanden habe, wohl der Erste, der Skácel im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat.